Pfarrerin Gabriele Zieme-Diedrich

1965 Geboren in Potsdam
1983 Abitur in Potsdam
Studium der Ev. Theologie an der Humboldt-Universität Berlin
1993 - 1995 Vikariat am Praktisch-Theologischen Ausbildungsinstitut (Predigerseminar) Berlin
1995 - 2000 Entsendungsdienst in zwei Berliner Kirchengemeinden
2000 - 2005 Religionsunterricht an verschiedenen Berliner Schulen
2005 - 2012 Gemeindepfarrerin im Westhavelland
seit August 2012 Pfarrerin der Ev. Gemeinde Deutscher Sprache Tokyo-Yokohama


Zu meiner Person


Seit 1990 bin ich verheiratet mit dem Turkologen Peter Zieme; wir haben einen gemeinsamen Sohn, Johann Anton, der in Berlin Theologie studiert.
In meiner Freizeit sehe ich gerne gute Filme, ich reise sehr gerne (kurze Ausflüge ebenso wie Fernreisen), liebe es, zu kochen, lese gerne.
Zu meinen Leidenschaften gehören eigentlich auch Haustiere (Hunde und Katzen), aber hier in Tokyo verzichte ich darauf.
In der Gemeindearbeit liegen mir gut vorbereitete und liebevoll gestaltete Gottesdienste besonders am Herzen, denn Wort und Sakrament sind das Zentrum des Gemeindelebens. Gottesdienste, aus denen wir gestärkt und ermutigt gehen, um im Alltag unser Christ-Sein leben und gestalten zu können. Dabei bemühe ich mich, alle Generationen der Gottesdienstgemeinde gleichermaßen anzusprechen.


Gabriele Zieme-Diedrich




Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.

Philipper 1, 17-18


Freude statt Frust? Gelassenheit statt Streitsucht?


Ich frage mich, wie schafft Paulus es, so ruhig, so gelassen zu bleiben? Vielleicht fragt er sich: Was bringt es, sich aufzuregen, aufzureiben - selbst wenn ich wollte, ändern kann ich es momentan nicht. Mir sind die Hände gebunden. Also sehe ich lieber zu, was die Situation vielleicht auch Gutes mit sich bringt. Und Paulus wird fündig: Doch was macht das schon! Wichtig ist allein, dass die rettende Botschaft von Christus verbreitet wird; mag das nun mit Hintergedanken oder in ehrlicher Absicht geschehen. Wenn nur jeder erfährt, wer Jesus Christus ist! Darüber freue ich mich, und ich werde mich auch in Zukunft darüber freuen!
Ganz sicher kennen Sie, kennen wir solche Situationen. Da ärgert man sich über etwas, das andere getan oder entschieden haben - man selber hätte es ganz anders gemacht. Als ob das nicht reicht, unterstellt man den anderen auch noch unlautere Absichten ...
Ich denke an den Professor im Ruhestand, der Jahrzehnte lang ein wissenschaftliches Projekt geleitet hat - und nun zusehen muss, wie seine Nachfolgerin die Weichen ganz anders stellt, ganz andere Schwerpunkte in der Forschung setzt und auch einen ganz anderen Führungsstil an den Tag legt. Nein, denkt er, das hätte es bei mir nicht gegeben. Wo soll das hinführen? Will sie seinen Ruf, gar sein Lebenswerk zunichte machen?
Ich habe die kranke Mutter vor Augen, die erst lange in der Klinik war, dann in die Reha muss. Ihre Kinder werden derweil von einer Bekannten betreut und versorgt. Die Mutter sorgt sich: Wird auch wirklich alles so sein, wie sie es immer gemacht hat? Bekommen die Kinder auch das gesunde Pausenbrot für die Schule, dazu ausreichend frisches Obst und Gemüse? Dürfen sie abends auch nicht zu lange vor dem Fernseher oder dem Computer sitzen? Putzen sie sich regelmäßig die Zähne? Schlafen sie genug?
Beiden sind die Hände gebunden, sie müssen mit ansehen, wie es ohne sie weitergeht.
Der Professor liest eines Tages in der Zeitung von dem Preis, den seine ehemalige Forschergruppe verliehen bekam. Ein Erfolg und eine großer Fortschritt auf seinem Fachgebiet, wofür er einst die Grundlagen schuf. Das muss er zugeben.
Die Mutter erlebt ihre Kinder bei einem Besuch fröhlich, zufrieden und ausgeglichen. Es geht ihnen einfach gut. Die Mutter fehlt ihnen natürlich, aber sonst mangelt es an nichts, sie haben alles, was sie brauchen.
Beide stellen fest: Es läuft - nicht unbedingt nach meinen Vorstellungen - aber es läuft, ziemlich gut sogar.
Ich kenne solche Gedanken und Gefühle: Auch ich weiß nicht, wie da manchmal Gottesdienst gefeiert wird während meiner Abwesenheit, was da gepredigt wird auf »meiner« Kanzel ...
Wichtig allein ist, dass die Gemeinde sich im Namen Jesu versammelt, dass Gottesdienst gefeiert wird. So versucht es Paulus auch zu sehen.
Da gibt es Christen, die andere Schwerpunkte setzen als er. Da gibt es welche, die ihm direkt widersprechen. Und es gibt Prediger, die behaupten, in seinem Sinn zu sprechen, aber etwas ganz anderes meinen. Und es gibt die, die treu seinen Standpunkt vertreten. Am Ende aber, das erkennt Paulus, geht es doch nur um eines: Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.
Die Hauptsache ist, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt: nämlich die Verbreitung der rettenden Botschaft Jesu Christi. So klar, so einfach! Gelassenheit nennt man das wohl.
Wie ist es bei Ihnen? Können Sie immer so gelassen sein? Zum Beispiel, wenn es um Fragen in der Kirche oder der Gemeinde geht. Mir fällt das manchmal schwer. Da wird diskutiert, werden Meinungen zu bestimmten Themen ausgetauscht, da wird mitunter heftig um einen Konsens gerungen - und doch kann man es am Ende nicht allen recht machen. Die einen wollen öfter Abendmahl feiern, die anderen hätten viel lieber Wein statt Traubensaft, wieder andere wollen gottesdienstliche Angebote auch in der Sommerpause, und ganz andere finden sowieso, Kirche sollte sich viel stärker sozial engagieren ...
Worauf kommt es an, was ist wirklich wichtig - und: was macht Kirche und Gemeinde aus? Hat das, worum es oft geht bei den Auseinandersetzungen noch was mit christlichem Glauben, wie wir ihn verstehen, zu tun? Manchmal ist es spannend, sich gerade darüber mit denen auszutauschen, die anders ticken als ich, die ganz andere Meinungen vertreten und Vorstellungen haben von dem, wie christliches Leben gestaltet werden sollte. Da konnte ich dann erleben, wie Menschen aus einer ganz anderen Lebensperspektive als der meinen sich dem Glauben nähern. Das kann sehr befruchtend sein. Das kann aber auch sehr ernüchternd, manchmal sogar frustrierend sein.
Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Die Hauptsache ist, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt! Ich würde mir wünschen, dass wir uns diese Gelassenheit zu eigen machten könnten. Es geht um Christus. Es geht um die Sache. Das können wir von Paulus lernen.
Wichtig ist, zu verstehen, dass Gemeinde »Gemeinschaft« bedeutet, Gemeinschaft auch in aller Verschiedenheit - aber auf einem Grund: Jesus Christus. Paulus kann schreiben: Aber ich werde mich auch weiterhin freuen, denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi.
Paulus fühlt sich getragen von dieser Gemeinschaft: Von seinen Mitchristinnen und Mitchristen und vom Geist Jesu Christi.
In diesem Geist können auch wir miteinander leben und als Gemeinde sein Evangelium bezeugen - so verschieden wir auch sind, so verschieden wir glauben: Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.

Ihre Pfarrerin Gabriele Zieme-Diedrich
Tokyo, im März 2018

 

Zuletzt geändert am 16.03.2018